25.01.2010 - Was ist Landwirtschaft der Gesellschaft wert?

BZ: Herr Präsident, das Jahr 2009 war wirtschaftlich schwierig. Sehen Sie Anzeichen für eine Verbesserung der Lage?
Tietböhl: Die Situation ist nach wie vor angespannt. Zwar verzeichneten wir im vergangenen Herbst einen moderaten Anstieg der Milchpreise. Das derzeitige Niveau, um die 25 ct/kg, ist aber zu gering. Von guten Getreidepreisen sind wir ebenfalls noch weit entfernt. Im Nachhinein bin ich froh, dass der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern 2009 frühzeitig darauf gedrängt hat, die Direktzahlungen vorzuziehen. Dadurch, dass das Geld schon Anfang Dezember, also vier Wochen früher als in den Jahren zuvor, bei den Landwirten war, entspannte sich die finanzielle Situation in vielen Betrieben wenigstens vorübergehend.

BZ: Mit der Frühjahrsbestellung steht erneut ein hoher Finanzbedarf an.
Tietböhl: In unserem Land wirtschaften in der großen Mehrzahl erfahrene Bauern, die ihre Kosten und ihre finanziellen Möglichkeiten kalkulieren. Nach vielen Gesprächen mit Landwirten gehe ich davon aus, dass in den nächsten sechs Monaten in einer ganzen Reihe von Betrieben grundsätzliche Überlegungen zur Ausrichtung des Unternehmens anstehen. Wir werden sehr genau hinschauen und prüfen, welche Betriebszweige in unseren Unternehmen das größte Entwicklungspotential besitzen.

BZ: Die Milchauszahlungspreise sind immer noch nicht kostendeckend. Befürchten Sie Strukturbrüche?
Tietböhl: Ohne kostendeckende Preise wird es auch bei uns in Mecklenburg-Vorpommern immer weniger Milchproduzenten geben. Gelingt es nicht, die Wirtschaftlichkeit in diesem Betriebszweig in den nächsten Monaten deutlich zu verbessern, könnte es in der Tat zu einschneidenden Veränderungen kommen.

BZ: Sie haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern keinen Einfluss auf die Preisbildung hat. Was kann der Bauernverband MV beitragen, damit es am Milchmarkt schnell aufwärts geht?
Tietböhl: Damit die Auszahlungspreise wieder steigen, müssen die Molkereien ihren Absatz ankurbeln, neue Produkte entwickeln, Märkte öffnen und vor allem ihre Marktmacht stärken. Das geht bei den genossenschaftlichen Unternehmen nur im Dialog mit den Anteilseignern, den Milchbauern. Unser Verband begleitet diesen Prozess und tritt, wo gewünscht, als Moderator auf. Vor einiger Zeit haben wir uns auch mit einem Offenen Brief zur Modernisierung des Genossenschaftswesens und zur Milchvermarktung an die Öffentlichkeit gewandt. Auf den von uns erarbeiteten Musterliefervertrag gab es gerade in den vergangenen Wochen aus mehreren Bundesländern Resonanz. Wir schlugen darin unter anderem vor, künftig bei Vertragsabschluss neben der Liefermenge auch Lieferzeit und Milchpreis zu vereinbaren und so die Kalkulationsgrundlage für die Landwirte zu verbessern. Die Milchbauern dürfen sich nicht auseinanderdividieren lassen und die Molkereien müssen aufhören, sich preislich zu unterbieten. Bei der Stärkung der Marktmacht gibt es gute Ansätze, zum Beispiel bei der Humana Milchunion und der Nordmilch, die nun ausgebaut werden müssen.

BZ: In Brüssel hat die Diskussion über die Gemeinsame Agrarpolitik nach 2013 begonnen. Einen Vorschlag dazu hat Staatssekretär Dr. Karl Otto Kreer aus dem Schweriner Agrarministerium vorvergangene Woche eingebracht. Wie ist Ihre Meinung?
Tietböhl: Bei dem Modell, das Staatssekretär Dr. Kreer vorstellte, handelt es sich nach meinen Informationen um erste Überlegungen. Die Diskussion über die EU-Agrarpolitik nach 2013, darunter auch über die künftige Förderung, hat gerade erst begonnen.

BZ: Sehen Sie Chancen, die Direktzahlungen nach 2013 auf dem bisherigen Niveau beizubehalten?
Tietböhl: Ich halte es nicht für sinnvoll, zu diesem frühen Zeitpunkt bereits über Zahlen zu sprechen. Grundsätzlich muss es unser Ziel sein, die Direktzahlungen in der jetzigen Höhe beizubehalten. Dafür gibt es gute Gründe. Im Durchschnitt der Betriebszweige stammen 35 % der Erlöse aus diesen Zahlungen. Ohne dieses Geld wären viele Betriebe gar nicht existenzfähig. Nur wegen dieser Zahlungen sind die Lebensmittelpreise bei uns so niedrig.
In der Gesellschaft sind die Leistungen, die die Landwirte für die Pflege der Kulturlandschaft und den Klimaschutz erbringen, zum Teil unbekannt. Ein Entgelt dafür halte ich für angemessen, ebenso für die hohen sozialen, Tier- und Umweltstandards, die die Verbraucher wollen und die wir in unserer Produktion gewährleisten. Wir Landwirte verschließen uns nicht, wenn Wissenschaftler auf uns zukommen, um den Mehraufwand und den gesellschaftlichen Nutzen dieser zusätzlichen Leistungen zu ermitteln. Im Gegenteil, ich sehe es als vorrangige Aufgabe unseres Berufsstandes an, hier mitzuhelfen aufzuklären.

BZ: Es sind auch Stimmen zu hören, zum Beispiel aus Großbritannien oder Schweden, die die Zahlungen drastisch absenken wollen.
Tietböhl: Wir werden uns in den nächsten Monaten intensiv mit diesem Thema beschäftigen, Argumente für den hohen Stellenwert der Landwirtschaft in unserer Gesellschaft zusammentragen. Die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2013 wird der Haupttagesordnungspunkt auf unserem Landesbauerntag am 16. März in Güstrow sein. 2010 bietet zudem weitere Gelegenheiten, um diese Zukunftsdebatte öffentlich zu führen. Am 30. Mai veranstaltet der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern landesweit wieder den Tag des offenen Hofes und im September die 20. MeLa, um weitere Höhepunkte zu nennen. Mindestens ebenso wichtig ist es, auch im Alltag mit Nachbarn und Bekannten ins Gespräch zu kommen und ein reales Bild von der Arbeit als Landwirt zu vermitteln.

Das Gespräch führte Gerd Rinas

Bauernpräsident Rainer Tietböhl
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